Station 1: Wer war Bernhard Greuter?

Wir befinden uns an der ersten Station des Greuterhof-Rundgangs. Hier beginnt unsere Reise in eine Zeit, in der die industrielle Revolution in der Schweiz gerade erst Fahrt aufnahm – und im kleinen Islikon ein Mann die Zukunft mitprägte: Bernhard Greuter.
Bernhard Greuter wurde 1745 in Ulisbach im Toggenburg geboren. Die Familie war arm, der Vater – ein Söldner und Händler – starb früh auf einer Reise nach Indien. Bernhard wuchs als Halbwaise auf und wurde von seiner Mutter und dem Pfarrer geschult. So erhielt er eine gute Schulbildung – ein seltenes Privileg in dieser Zeit.
Mit 15 Jahren arbeitete er zunächst als Hauslehrer, bevor ihn ein ganz anderer Stoff faszinierte: der Textilstoff. In Glarus kam er in einer Kattundruckerei, einer frühen Baumwoll-Druckfabrik, mit den damals streng geheimen Techniken des Indigo-Färbens in Kontakt. Er war wissbegierig, mutig – vielleicht ein wenig zu mutig. Denn als er bei einer «Werkspionage» erwischt wurde, musste er fliehen.
Zuerst führte ihn sein Weg nach Herisau und dann in seinen Bürgerort Kefikon im Thurgau. Hier eröffnete er 1765 eine eigene kleine Textilfärberei. Bernhard Greuter färbte Stoffe, holte sie bei den Bauern ab und brachte sie fertig zurück – ein Pionierunternehmen im wörtlichen Sinn.
Da Greuters ehemaliger Arbeitgeber in Glarus, Johann Heinrich Streiff, von 1768 bis 1769 Landvogt im Thurgau wurde, musste Bernhard Greuter abermals fliehen und seine Flucht führte ihn nach Holland. Dort lernte er die modernsten Färbeverfahren Europas kennen – Wissen, das in der Schweiz kaum jemand besass.
Während seiner Abwesenheit betrieb Greuters Bruder Conrad die Färberei weiter. Bernhard Greuter kehrte 1770 nach Kefikon zurück und fand sein Unternehmen in einem schlechten Zustand vor, konnte es aber wieder aufbauen.
1773 heiratete er Maria Magdalena Wettstein, die Tochter des Wirts vom Gasthaus «Zum Sternen» hier in Islikon. Vier Jahre später baute er neben dem Wirtshaus seine eigene Indigo-Färberei – eine der ersten Fabriken der Schweiz. Rundherum entstanden Weiher, Wasserleitungen und Produktionsgebäude – der Ursprung des heutigen Greuterhofs.
Doch Bernhard Greuter war mehr als nur ein geschickter Unternehmer. Er war ein Sozialreformer seiner Zeit. Er wusste, wie hart das Leben der Arbeiter war – und handelte. 1802 gründete er einen Hilfsfonds für qualifizierte Arbeitskräfte. Dieser umfasste später die erste Krankenkasse der Schweiz, eine Militärversicherung, eine Alterssparkasse, eine Reisekasse für Weiterbildungen, eine Viehversicherung und sogar einen Schulfonds. Ein revolutionärer Gedanke – Jahrzehnte, bevor der Staat soziale Sicherungssysteme einführte.
Mit seinen Partnern, der Familie Rieter aus Winterthur, baute er sein Unternehmen zu einem Textilimperium aus. Stoffe aus Islikon gingen in die Schweiz und ins Ausland. 1805 zog sich Bernhard Greuter aus dem Geschäft zurück und übergab die Leitung an seine Söhne Ludwig und Conrad.
Doch Greuter blieb seinen Wurzeln treu: Er engagierte sich in der Politik, förderte die Landwirtschaft, setzte sich für bessere Ernten und den Bau von Schulen ein. Als er 1822 hier in Islikon starb, hinterliess er weit mehr als eine Fabrik: Er hinterliess eine Vision. Eine Vision von Fortschritt, Innovation und sozialer Verantwortung. Bernhard Greuter war Industrieller, Visionär – und ein Pionier des sozialen Unternehmertums in der Schweiz.
Wenn Sie sich jetzt umschauen: Was heute ein Seminar- und Hotelbetrieb ist, war damals der pulsierende Mittelpunkt einer industriellen Erfolgsgeschichte, die weit über Islikon hinaus wirkte.
👉Als Nächstes erfahren Sie, wie aus einem einfachen Wirtshaus eine Fabrik wurde – und wie der Greuterhof sein charakteristisches Aussehen erhielt.
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